Kopfarbeit

Bild von housetier

(Inspiriert durch ein Gespräch mit PoisonElf)

  • Ein Bildschirm
  • eine Tastatur
  • eine Maus
  • Teebecher
  • Stövchen mit Kanne
  • Telefon
  • Handy
  • Netzteil
  • Stanilaw Lems “Lokaltermin”
  • mehrere Zettel mit “zu Erledigen” und dergleichen (die elektronischen Post-It sind seltsam in der Handhabung)
  • Notizblöcke
  • Salzstangen
  • handgelötetes Audiokabel
  • USB-Kabel
  • Buchstütze
  • Honig
  • Citronat
  • Vitamintabletten zum Auflösen
  • ein durchgebrannter Athlon
  • Radiergummi und Bleistifte
  • ausgelutschter Akku des Laptop
  • gestrickter Hackysack
  • Anspitzer
  • Bronchicum Tropfen
  • Kabelbinder
  • Feuerzeug samt Lederetui
  • Teelichte
  • leere Druckerpatrone
  • Handtuch
  • Gyrotwister
  • Essenskarte der Mensa
  • Bjarne Stroustrups “Die C++ Programmiersprache”
  • eines von M.C. Eschers Kalaidozyklen
  • ein Fläschchen harzfreies Nähmaschinenöl
  • zwei Stenkelfeld CDs
  • zwei alte Festplatten
  • Robert Miles’ “Children” als Maxi
  • Schrauben und Unterlegscheiben und Muttern
  • Lollies
  • Kleingeld
  • und endlich Raumschiff Enterprise aus einer 3,5 Zoll Diskette gefertigt

Wir sind gut ausgerüstet.

Der Miefquirl ist nicht in Betrieb – es besteht kein Bedarf. Der seltsam beige Teppich ist übersät mit Flecken verschiedener Hartnäckigkeitsgrade und hat einige Brandlöcher. Vom Sommer sind noch ein paar Fliegenfänger übrig geblieben. Unsere Schreibtischlampe funktioniert und spendet mehr oder weniger indirektes Licht. Von der Soundkarte durch das Kabel in den Verstärker aus der einen funktionierenden Lautsprecherbox bollert “DJ Luna C – Goodfellaz Pt. 2”: satter Bass, der schon mehrfach die Nachbarn zu Beschwerden hinriss. Das Regal voller Leitzordner mit wichtigen Unterlagen wird nicht mal erwähnt.

Wir sind gerüstet.

Die Nacht bricht herein – umso heller strahlt es aus der elektronischen Computerwelt zu uns heraus. Ein Blick hinein durch dieses Fenster enthüllt die Vorlieben des Benutzers. Grau-minimalistisch ist der Desktop geprägt. Auffällige Farben werden nur spärlich benutzt und dienen allein der Hervorhebung. Das Wallpaper ist größtenteils schwarz. Die Optik trägt dazu bei, die Augen zu schonen und den Benutzer nicht abzulenken. Die volle farbenprächtige und nicht zuletzt überwältigende Reise beginnt im Kopf und nicht im Computer. Aus wenigen Informationen wird ein komplexes Gebilde erdacht jedoch selten vollständig erfasst noch verstanden.

Wir sind.

Die Welt des Cyberspace ist im Kopf, im Hirn, in der Vorstellungskraft des Benutzers. Im Computer sind nur die rohen kalten lichtschnellen Daten in unbegrenzter Anzahl. Die Gewalt wird schön gedacht. Jeder hat seinen eigenen Cyberspace, wie auch jeder sein persönliches Weltbild hat. Durch das Fenster sehen wir nur was wir sehen wollen. Wir haben die Wahl, die Freiheit und keine Verantwortung.

Wir.

Meine Welt ist schnell, grau und international. In der Tat sind keine Nationalstaaten zu erkennen. Gehemmt durch langsame chemische Prozesse im Hirn warten die Finger tatendurstig auf Befehle; schon bewegen sie sich in einer einfachen aber lang dauernden Symphonie aus Zahlen, Buchstaben und vereinzelten Akzenten (Sonderzeichen). Ich spreche. Andere sprechen. Wenn jetzt noch jemand zuhört sprechen wir von Kommunikation. Aus dem, was andere sprechen schließe ich dass sie zuhören (hier hat die Kommunikation also eigentlich schon stattgefunden: ich habe “zugehört”) und gebe meinerseits Antworten. Wo endet der Informationsaustausch und wo beginnt die Kommunikation, was sind Daten, was ist Information? Für mich ist die Antwort genau definiert, sehr kompliziert und total uninteressant. Mitmachen zählt! Spaß ist das Ziel, Langeweile das Motiv.

Mit Letzerem bin ich im Übermaß ausgerüstet.

Meine Welt hat eine Fläche von ca. 613 Quadratzentimetern. Darunter, dahinter, darüber und daneben erstreckt sie sich bis ins Unendliche, zumindest aber einmal außen um Erde herum (ein Teil der Daten wird per Satellit übertragen). Den Begriff der Unendlichkeit wird hier nicht wie in der Astronomie verwendet, wo nach gängiger Theorie tatsächlich kein Ende “in Sicht” ist. Lediglich die schiere Zahl an Kombinationsmöglichkeiten (Wegstrecken), die einem Datenpaket auf dem Weg von einem Computer zum anderen offen stehen, ist gewaltig. Ignoranz demgegenüber hilft, sich nicht zu verlieren sondern bei der Kommunikation zu bleiben. Ein gesunder Verstand kann vergessen und verdrängen.

Ich bin gerüstet.

Wenn man sich vorstellt, wie man selber vor einem Computer sitzt und den Cyberspace erlebt, wenn man sich alle Details genau ausmalt, wenn man sich selbst beobachtet, sich sozusagen über die Schulter schaut, wenn man sich ausmalt wie es ist sich beim Vorstellen über die Schulter zu schauen (oder auch in anderer Reihenfolge), dann kann man Schizophren werden, sich an diesem Paradoxon die Zähne ausbeißen oder in Trance geraten, in der das Hirn schneller zu denken scheint. Die Komplexität der Welt nimmt in diesem Zustand nicht ab sondern noch zu – aber sie wird auch begreifbarer, erlebbarer. Durch (Ausmalen des) Beobachten der Kommunikation wird diese (scheinbar) von den schnelleren aber primitiveren Hirnteilen übernommen.

Ich denke dass ich denke.

Ich bin.

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