Die Zeit: halb Eins
Der Ort: Lerchenreinschule Stuttgart-Süd, Turnhalle
Bewaffnet mit Wahlaufrufsschein und Reisepass betrete ich die Halle, gewillt meiner bürgerlichen Pflicht zu Wählen nachzukommen.
Der Schwabe, wie er nun mal so ist, spart gerne und kombiniert daher am heutigen Tage gleich drei Wahlen: Europa, und 2x Kommunal.
Ich steh also vor dem ersten Tisch um mir meine Stimmzettel abzuholen und bin überrascht, dass mir die Scheine ohne Identitätskontrolle ausgehändigt werden. Mein Reisepass-zücken wird mit einem “Brauchen wir hier nicht.” des Herrn auf der anderen Seite des Tisches ausgebremst.
Nun gut, bis jetzt ist noch kein Schaden getan, die Zettel sind noch nicht in der Urne.
Ich mache meine Kreuze, falte und tüte.
Ich übergebe meinen Wahlaufrufszettel an eine Dame mittleren Alters und strecke Ihr meinen Pass entgegen.
Erwiedert wird dies mit einem “Brauchen wir nicht, wir glauben Ihnen auch so.”, die anderen Wahlhelfer nicken nur.
Mein Kommentar “Glaube gehört in die Kirche.” wird nicht erwiedert.
Ich, oder genauer, die Person deren Wahlaufrufszettel ich eben abgegeben habe, wird aus der Wählerliste gestrichen, ich werfe meine(?) Stimmzettel in die Urnen und verlasse die Halle.
Ich habe heute an drei Wahlen teilgenommen, aber sicher bin ich mir nicht, die Wahlhelfer offensichtlich genausowenig. Zu kümmern scheint es aber keinen, ausser mich.
Von Bekannten und Freunden aus Köln und München wurde mir gleichartiges berichtet.
Hier wurde ebenfalls kein Identitätsnachweis verlangt, selbst von einem französischen Staatsbürger nicht, bei dem auf ebenfalls explizite Anfrage der Reisepass mit ähnlichem Kommentar dankend abgelehnt wurde.
Jens Berger hat die Wahlen und die Parteien der Landstagswahlen 2008 in Hessen ausführlich analysiert. Mir gefällt, wie jede Partei ihr Fett abkriegt, aber am besten war noch seine Äußerung zu den Grünen:
Die GRÜNEN sind die Partei “pazifistischer Kriege”, des “liberalen Überwachungsstaates” und des “gerechten Sozialabbaus” — die Verdinglichung kognitiver Dissonanzen.
Überhaupt macht lesen von spiegelfechter Vergnügen – auf so einer intellektuell-kritischen Ebene meine ich; der Gegenstand seiner Betrachtungen ist ja eher zum Heulen.
Zum Glück zahle ich bisher keine GEZ-Gebühr, weil ich weder Fernseher noch Radio besitze. Nun soll ich aber ab nächstes Jahr kräftig abdrücken, weil ich das Internet benutze und daher ja das “Angebot” der öffentlich-rechtlichen (ÖR) Funk- und Fernseh-Anstalten in Anspruch nehmen könnte.
Das finde ich total beschissen.
Der geneigte Leser wird bemerkt haben, dass ich von “GEZ-Gebühr” sprach, einer Gebühr für die GEZ und nicht für die ÖR. Da ist eine Institution, die an die Daten des Anwohnermeldeamtes gelangt und mir dann einfach unterstellt ich besitze Fernseher und Radio. Als nächstes wird einem suggeriert, man müsste bestätigen, dass man diese Geräte nicht besitzt. In der Tat ist es aber so, dass man sich nur “registrieren” muss, wenn man einen Fernseher oder ein Radio hat; das nennt sich dann Opt-In-Verfahren.
Tatsächlich läuft das aber folgendermaßen ab: Ich werde also einfach so in den Verteiler der GEZ aufgenommen; auf irgendwelche dubiose und in meinen Augen unrechtmäßige Art&Weise gelangt die GEZ an meine Anschrift. Und wenn ich mich dann aus diesem Verteiler wieder austragen will (Opt-Out), bekomme ich Besuch von einem ihrer Agenten, der mir unterstellt ich würde die GEZ betrügen. Dieser “Agent” (ich will ihn nicht Arschloch nennen) stellt dann Fangfragen (“ist das ihr Auto da unten?”) und drängt sich in meine Wohnung, wo nicht mal die Polizei ohne richterliche Erlaubnis rein darf! Ein einziger Drecksladen!
Bitte engagiert euch gegen die GEZ, dazu haben wir links einen Link zu pc-gebuehr.de. Diese Site wird aktuell gehalten, enthält also ebenfalls schon den Link zum Spiegel-Artikel.
Am Sonntag haben wir also gequält gewählt. Der Wahlkampf ging irgendwie an uns vorüber: nur zwei Parteien hielten es für nötig um meine Stimme zu werben indem sie mir Werbung in den Briefkasten steckten. Alle anderen Parteien hielten sich vornehm zurück.
Ich hätte ja gerne grün gewählt, aber nach dem was deren Ob-Kanditat bei der letzen OB-Wahl in Stuttgart abgezogen hatte, kam die Partei einfach nicht mehr in Frage. Zur Erinnerung: Christoph Palmer hatte seine Kandidatur bei der Stichwahl zurückgezogen und eine Wahlempfehlung für den CDU-Kandidaten Wolfgang Schuster ausgesprochen. Herr Palmer hat mir dadurch das opportunistische Wesen der grünen Partei aufgezeigt und mir dadurch die Landtags-Wahl erleichtert: Weniger Auswahl, einfachere weil schnellere Entscheidung.
Das Nachtleben in Stuttgart wird ebenfalls simpler: die Türsteher verschiedener Clubs/Bars/Lounges/etc geben einem aktive Entscheidungshilfe. Das finde ich gut, erspare ich mir so doch das ewige herumgelaufe auf der Theodor-Heuss. Das Muttermilch und die Suite 212 zum Beispiel lassen einen nur noch mit weiblicher Begleitung herein; das Sieben Grad auf der anderen Straßenseite war mit meinem Kleidungsstil nicht einverstanden. Nach “Mit den Schuhen kommst du hier nicht rein!” fühlte ich mich wieder wie 16, sehr erheiternd.
Ich bin in keinster Weise beleidigt, auch wenn es so klingt, dass ich mich hier darüber auskotze. Aber die Theodor-Heuss ist voller Läden die alle gleich sind, und wenn nun einige entscheiden, sich von den anderen differenzieren zu wollen, kann ich das nur begrüßen!
Neulich trafen wir uns im Schocken (schreckliche Musik) und endeten dann im L’Oasis. Kein Problem an der Tür und nette Mucke zum abhotten, auch wenn es ein wenig voll war.
Generell ist die Theodor-Heuss aber langweilig geworden, wie diese Landtagswahl: keine Konzepte, kein Wettbewerb. Da geh ich dann doch lieber in die Conditorei wo es nette elektronische Musik gibt und sich die Gäste zu benehmen wissen.
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